Unterwegs.
Ob er abgenommen habe, frage ich. Er würde so schlank aussehen, setze ich nach. Also, er würde gut aussehen.
Ich frage mich innerlich, ob ich nicht einfach mal die Klappe halten kann. Kann ich nicht. Unser CEO schaut verblüfft, aber auch erfreut und bestätigt, dass er ein paar Kilo weniger auf den Rippen habe. Gesunde Ernährung, das würde ihm guttun.
Dann trügen meine Ernährungs- und Fitnessartikel in unserem Firmennewsletter ja Früchte, stelle ich fest und halte ihm meine Snackbox unter die Nase. Sollte er noch nicht mitbekommen haben, dass das Thema „gesunde Ernährung“ zu meinen Lieblingsthemen gehört – spätestens jetzt weiß er es, während ich erkläre, was es bei mir heute zu essen gibt. Damit es nicht total abdriftet (note to myself: das ist es schon), stelle ich noch eine geschäftliche Frage, bevor er dann doch lieber mein Büro verlässt.
Man möge essen, was gut für die Seele ist… dieses Statement höre ich immer wieder von Erkrankten und kann ihnen nicht so recht beipflichten. Für die akute Phase (Chemo- und Strahlentherapie) stimme ich zu; das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um die Ernährung umzustellen, da ist kalorienreiche Nervennahrung durchaus angebracht. Ich spreche aus Erfahrung.
Wenn die akute Phase allerdings beendet ist, sollte man das essen, was für den Körper gut (und für den Krebs schlecht) ist. Das bedeutet gesunde Ernährung. Gelernt bei diversen Ernährungsvorträgen, nachgelesen in Ernährungsbüchern und Studien aus Kliniken, und on top bestätigt in einem Interview mit meinem Arzt aus dem Mammazentrum gestern im Radio.
In meinem Fall bedeutet das konkret, Zucker, Weizenmehl, Milch, rotes Fleisch, Wurst, verarbeitete und frittierte Nahrung aus dem Leben zu verbannen und den Fokus auf Gemüse, Obst, Vollkorn, Dinkel, Nüsse und Haferflocken zu legen. Das funktioniert, und gelegentliche Ausnahmen in Form von Eis, Kuchen oder ein kleiner Schokoriegel sind erlaubt. Geraucht habe ich noch nie, und nur zu besonderen Anlässen trinke ich mal ein kleines Glas Wein. Damit geht es mir gut. Die Zeiten, in denen ich frustriert im Supermarkt auf die Einkaufswagen der anderen guckte, die mit Süßigkeiten, Chips und Wein bestückt waren, derweil ich einen einsamen Brokkoli in der Hand hielt, sind passé. Auf dem Biowochenmarkt freue ich mich über die große Auswahl an Salaten, Gemüse, Obst und leckerem Brot.
Ein Brötchen kaufe ich mir auch noch, als ich das Büro verlasse und mich auf den Weg ins öffentliche Bad mache. Es ist dunkel. Es regnet. Es ist kalt. Es ist der perfekte Zeitpunkt, das Aussenbecken für sich allein zu haben.
Allerdings denke nicht nur ich so; das Wasser des Pools, der in der Dunkelheit liegt, leuchtet türkis, überall sind Köpfe auszumachen, verschwommen hinter dem Dampf, der aus dem Becken steigt. Ich schwimme durch die schwappenden Wellen, Tropfen fliegen durch die Luft, ich trage meine neue Retro-Badekappe, weiß mit Luftnoppen, so wie man sie schon vor bestimmt 50 Jahren getragen hat, das blaue Becken dreht sich im schwarzen Universum, Lichtstrahlen durchschneiden den Dampf, meine Kappe ist ein Helm und ich ein Astronaut, der durch das All gleitet. Surreal. Und fantastisch.
Am Ausgang stoße ich mit J. zusammen. J. hat gestern bei der Meditation erwähnt, dass er auch am Mittwoch schwimmen gehe. Und der kleinen Meditationsrunde erzählt, wie wir uns das erste Mal beim Schwimmen begegnet sind; seine Schwimmfreundin verschwand auf der Toilette, und ich käme dann heraus. Magic! Eine schöne Erinnerung, an die ich mich nicht entsinne, mir aber ausgesprochen gut gefällt.
Mit dem Brötchen in der Hand gehe ich hinaus in die Nacht. Der Regen hat aufgehört.
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