„Sollen wir dann heute hier schlafen?“, fragt sie und schaut mich an. „Ihr werdet jetzt immer hier schlafen“, antworte ich, „das ist jetzt euer neues Zuhause“.
Nach 60 Jahren in der kleinen, verwinkelten Dachgeschosswohnung im Haus, das der Familie gehört, sind heute früh auch die restlichen Möbel und Kartons ins neue Zuhause gebracht worden: betreutes Wohnen, eine behindertengerechte schöne Zweizimmerwohnung mit Blick über die Marsch, und dort, am Horizont, kann man sogar die grossen Schiffe die Elbe hinabgleiten sehen.
„Mein Vater hat gesagt, ich solle nie aus dem Haus ausziehen. Was er jetzt wohl denken würde?“, fragt die Mutter und blickt vom Sessel über die Wiesen. „Opa würde würde sich über diesen Platz freuen“, sage ich, „mit Opa habe ich stundenlang auf der Bank vorm blau-gelb-geklinkerten Haus gesessen, geplaudert und in die Gärten mit den Rosen und dem Kirschbaum geguckt.“ „Ja, er mochte gern ins Grüne gucken“, sagt die Mutter. Mit Oma habe ich die Nachmittage auf der marmorgrünen Terasse verbracht und Zeitschriften gelesen. Ich lächele bei der Erinnerung. Mit meinen Grosseltern hatte ich eine besondere Verbindung.
Weitere Schmuggelware wird kritisch von mir beäugt, die Mutter zum Aussortieren bewegt: die vielen Postkarten können weg, die Papiere mit der roten Schleife entpuppen sich als unser Stammbaum und bleiben. Das wir einen Stammbaum haben, ist mir neu.
„Die Dachböden sind so voll“, klagt der Bruder. „Da liegen Deine Puppen“, sagt die Mutter. „Alles kann weg“, sage ich.
„Ich muss das nächste Mal mit der Bahn kommen, ich möchte mein Schwert mitnehmen“, sagt der Bruder. Sofort erinnere ich mich an das Schwert, das über seiner Kinderzimmertür hing. „Wir haben Deinen ersten Bikini aussortiert“, sagt er. „Das ist ok“, sage ich. „Wir haben Deinen blau-orangenen Strampler weggetan“, sage ich ein anderes Mal. „Ich habe Deine Geburtsurkunde und Deine Sozialversichertenkarte gefunden!“, sagt der Bruder. „Aber Floppi – mein erstes Stofftier, ein weisses Steiff-Seehundbaby, das im obersten Fach von Mutters Kleiderschrank wohnt – das nehme ich mit!“ Über meine Gutscheine, die ich verschenkt und nie eingelöst habe, lachen wir.
Der Karton mit den Sachen, die ich mitnehmen möchte, wird voller. Zwischendurch räume ich ihn wieder aus und entdecke Schmuggelware, die man mir untergejubelt hat und die ich kurzerhand entsorge.
Das einzige, was wir überall mit hinnehmen können, sind unsere Erinnerungen. Und deshalb sind sie so wertvoll, auch für den nächsten Abschnitt auf der Reise durch unser Leben.

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