Wir schlagen uns durch überwuchtertes Terrain, es gibt keine Wege mehr, nur Bäume, Gestrüpp und Ranken. Ich höre mich schwer atmen.
„Hauptsache, wir finden wieder zurück“, keuche ich. Weder S. noch ich haben einen Orientierungssinn.
An zwei Steinpfählen halten wir an. „Schau mal, hier blüht Vergissmeinnicht“. S. deutet auf die kleinen blauen Blümchen, die immer mehr werden, je dichter wir an verfallene Gebäude kommen. Als würde hier für jedes Kind ein Vergissmeinnicht blühen. Ich spüre, dass wir hier richtig sind. Hier ist der dunkle Ort, der nirgendswo ausgewiesen ist und über den es kaum Informationen gibt.
Ruinen. Die obere Etage ist einem Brand zum Opfer gefallen, graue Mauern ragen zwischen grünen Ranken auf. Die zerbrochenen Fenster sind vernagelt, aber es gibt eine Öffnung: wir schauen hinein. Ich erkenne kleine Holzstühle, rot und grün, deren Reste achtlos auf dem vermoderten Boden liegen, und ein Kinderbuch. Das war der Esssaal, sage ich, und da ist die Tür mit der Treppe nach draussen. Ich sehe den kleinen Jungen vor mir – drei bis vier Jahre alt – der zur Strafe im Winter im Schnee, ohne Jacke und in Hausschuhen, vor dieser Tür stehen musste, während wir ängstlich unser karges Frühstück aßen. Ich sehe in der oberen Etage Kacheln, das waren die Duschräume und da, wo nur noch eine riesige Leere klafft, waren die Schlafsääle und das kalte Treppenhaus, wo nachts auf den Stühlen die Kinder ausharren mussten, die nicht mit dem Gesicht zur Wand in ihrem Bett lagen.
Ich erinnere mich, wie hungrig ich war, weil mir das Frühstück weggenommen wurde (vor dem Beten vom Brot abgebissen), ich mein Mittagessen heimlich verschenkt habe (ich mochte es nicht), um nachmittags bei den anderen Kindern ihr trockenes Brötchen zu erbetteln, das es immer auf den Wanderungen gab.
Ich erinnere mich an vieles mehr.
Jetzt scheint die Sonne. Die Vögel zwitschern. Es liegt kein Schnee. S. drückt mir zwei Kristalle in die Hand, zündet Salbei an, ich spreche ihre Worte nach, um dem Ort (und mir) seinen Frieden zu geben. Den Kristall in Herzform lege ich unter die blühende Kastanie, die über diesem unglücksseligen Ort aufragt. Wenn sie erzählen könnte…
„Zimmer 9 haben wir“, sagt S., als wir vor unserer Tür in der Pension stehen. „9 steht für Vollendung“.










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