ANDALUSIEN

Prolog
Alle Tage plus eins. Socken und Unterwäsche landen im Koffer. Dazu gesellen sich Shirts, Blusen, eine lange und eine halblange Hose, ein Rock und drei Kleider. Die Badeschuhe werden wieder aussortiert, dafür ein weiteres Kleid addiert. Ebenso wandern zwei Shirts und ein Pyjama (brauche ich eh nicht) wieder zurück in den Schrank, dafür kommen zwei gebügelte (!) Blusen dazu. Die Sandalen sollten nicht mit, dürfen jetzt aber doch dabei sein. Komplettiert wird das Chaos mit einem Pullover und nem Hoodie (man weiss ja nie), einer dünnen Strickjacke und zwei Kulturtaschen mit allerlei Wattezeugs, Medikamenten (für die Hauptmedikamente gilt doppelte Buchführung: sie sind ausreichend im Handgepäck und im Koffer vertreten), Dosen und Fläschchen mit Schampoo und was man sonst so braucht. Im Koffer herrscht ein kommen und gehen.

Da der Hamburger Flughafen z.Zt. etwas störanfällig ist, wird geraten, das Gepäck bereits abends hinzubringen. Ich gondele mit dem Sammeltaxi zum Airport. 45 Minuten zu früh treffe ich ein, ich warte an der Gepäckaufgabe in der Schlange. Wir sind zu fünft. Ich bin die erste. Nun frage ich mich schon, ob die anderen Reisenden morgen früh ein Chaos in Kauf nehmen, ohne Gepäck reisen oder besser ganz zu hause bleiben? Ich buche den slot für die security morgen früh für 4.15h. Ich buche ein Taxi für 3.40h. Um 17.58h dürfen wir fünf unser Gepäck aufgeben, um 18.01h ist das erledigt, ein weiteres Sammeltaxi muss her. Wartezeit: 45 Minuten. Niemals! Du kannst mit der S-Bahn fahren, sage ich mir. Niemals!, antworte ich umgehend. Etwas ratlos kaufe ich erstmal ein belegtes Brötchen. Die App spuckt neue Daten aus: Sammeltaxi in 8 Minuten? Na klar! Brötchen essend wandere ich zum Stop, das Auto fährt vor, die Fahrt wird mit 45 Minuten veranschlagt, das ist heute irgendwie die Zeit für alles. Duschen, Handgepäck packen, Wecker auf 3.08h gestellt. Bloss den Reiseproviant morgen früh nicht im Kühlschrank vergessen.

Hola Espana, nos vemos!

Tag 1

Grosse Wiedersehensfreude am Frankfurter Flughafen: meine Reisefreundin A. aus Linz wartet bereits am Gate. Der Flieger hebt mit 45 Minuten (die Zahl kennen wir von gestern) ab, um 10.00h bestellen wir Champagner und Chips und stossen auf den Urlaub an.

Torremolinos empfängt uns mit 27 Grad und blauem Himmel. El viva Espana! Im Shuttle zum Hotel überlegen die anderen beiden Damen, ob man einen Ausflug ins Picasso-Museum nach Malaga machen sollte. Ich mag Museen, ich mag Picasso, aber gerade jetzt mag ich viel mehr das Meer.

A. und ich buchen uns Plätze unterm Sonnenschirm, spazieren am Strand entlang, lassen uns vom eisigen Mittelmeer er- und auch abschrecken, besuchen die Strandbar und das Rooftop zum Sunset, spazieren bei einsetzender Dämmerung an der Strandpromenade und geniessen ein sehr leckeres Dinner.

Dann beginnt der Ernst der Reise: wir treffen auf unsere Reisegruppe.

Tag 2

„Ich bin Anja aus Hamburg. Das ist die Stadt mit der Elbphilharmonie. Eigentlich wollten wir nach Indien.“ Die Reisegruppe lacht und nimmt den Ball auf: Berlin, die Stadt mit dem Flughafen, Aachen, die Stadt der Printen, Solingen, die Stadt der Klingen…ich bin hier, weil ich Sonne im November wollte….Die Vorstellungsrunde der Reisegruppe geht flockig vonstatten, ganz anders als in Ägypten, wo erstmal debattiert und dann demokratisch abgestimmt wurde, ob man die Vorstellungsrunde in der Moschee abhalten kann (ja).

„Weitergehen! Andere Bäume!“ Juan, der quirlige Plantagenbesitzer, marschiert mit uns von einem Baum zum nächsten. Unter dem strahlend blauen Himmel wachsen verschiedene Sorten von Orangen, Zitronen, Pampelmusen, Granatäpfel, Zitronen, überraschend süss und dann wieder säuerlich, wir testen uns durch die Bäume und schweben im Paradies. Ich stecke die Nase in blühenden Rosmarin, in dem Juan eine Sekunde später auf eine grosse Spinne (iiiiek!) deutet, die top für die Läusebekämpfung ist. Auch eine Gottesanbeterin führt er uns vor, die die Hauptwaffe für Feinde wie Heuschrecken und Co. darstellt. Wer braucht schon Gift, wenn er Spinnen und Gottesanbeterinnen hat!

„Folgt Jesus!“, ruft Jesus, unser spanischer Guide, der uns Ronda zeigt: Ronda hat eine beeindruckende Lage oberhalb einer tiefen Schlucht, die die Neustadt aus dem 15. Jahrhundert von der Altstadt aus der Zeit der maurischen Herrschaft trennt.
Wir gehen durch Gärten, geniessen Aussichten, klettern auf den Turm der Iglesia de Santa María la Mayor und besuchen die älteste Stierkampfarena der Welt. Ohne Stierkampf. Den braucht die Welt nicht.

Tag 3

Überall in den Städten stehen tiefgrün belaubte Bäume voll duftender Bitterorangen. Aus denen könne man Bitterorangenmarmelade machen, die allerdings nur Briten essen, sagt unser Guide. Ich überlege, ein paar der Orangen mit nach Deutschland zu nehmen, denn bittere Orangenmarmelade mag ich auch.

Wir fahren von Ronda nach Jerez, Olivenbäume vor Bergen, die in Nebel gehüllt sind, auf der Strecke gibt es Brötchen mit Käse und Schinken im Landgasthof, wir besichtigen eine Bodega, in der Sherry aus den Trauben der alten weißen Rebsorte Palomino Fino hergestellt wird.

Angriff der Killermücken im kühlen Gewölbe, wo die schwarzen Eichenfässer lagern, damit hat hier niemand gerechnet. Die Sherryverkostung lasse ich ausfallen (zuviele Mücken, und Sherry mag ich eh nicht), ich bleibe im Hof in der Sonne und spiele etwas Pokemon.

Nachmittags fahren wir in Sevilla ein. Wir mussten uns beeilen, da der Park um 17.00h wegen der lateinamerikanischen Grammyveranstaltung gesperrt wird. Quietschende Teenies jubeln bereits ihren Idolen zu, während wir durch den berühmten Maria Luisa Park mit der Plaza de Espana schlendern. Über uns grüne Papageien, die wir hören aber nicht sehen, Brunnen mit Froschskulpturen und Wasser speienden weissen Löwen. Palmen und riesige Eukalyptusbäume säumen den Weg.
Unser Reiseführer kauft uns Fächer, wir freuen uns, und bei knapp 30 Grad kann man die Fächer gut gebrauchen.

Abends schaue ich mit A. den Sonnenuntergang von der Rooftopbar.

Tag 4
„Lasst uns versuchen, alle lebendig über die Strasse zu kommen“, ruft unser lustiger Reiseleiter. Es ist 8.30h, wir schlängeln uns durch den Berufsverkehr auf die andere Strassenseite. Heute morgen führt uns der Weg nach Alcazar, dem mittelalterlichen Königspalast und zur Kathedrale, in der 188 Gramm der Gebeine von Kolumbus in einem imposanten Sarg ruhen.

Beide Bauten sind beeindruckend, ebenso wie der riesige und schön angelegte Palastgarten, der voller Orangenbäume und Palmen ist.

Danach haben wir frei und dürfen machen, was wir wollen. A. und ich suchen uns erstmal eine Tapasbar, um endlich wieder etwas Gemüse zu essen (extrem lecker!), dann schlendern wir durch die Gassen der Altstadt zur Plaza de la Encarnación, wo sich der Metropol Parasol, auch bekannt als die Pilze, befindet. Der Eintritt ist uns allerdings zu teuer, wir machen Fotos und investieren das gesparte Geld in Schokokuchen und Croissants.

Weiter gehts zum Plaza de Espana in den Park, wo es uns gestern schon so gut gefallen hat. Die Nachmittagsstimmung ist wunderbar, und ich nörgele auch nur ein ganz kleines bisschen über die Strecke, die wir heute zurückgelegt haben. Sundowner in der Rooftop Bar, meine Füsse sind platt.

Tag 5

„Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.“ Goethe hat Recht. Es ist mir ein Rätsel, wieso ich ich jeden Tempel in Myanmar und jeden Pinguin in der Antarktis kenne, aber nicht die Mezquita von Cordoba. 800 Säulen sind in der einstigen Hauptmoschee der Kalifen zu finden, in/um die eine katholische Kirche gebaut wurde. Die Säulengänge, erbaut aus diversen zusammengeklaubten Säulen, sind unendlich lang und markant mit ihren rot-weissen Bögen. Das ist wirklich ein Highlight.

Beim Stadtrundgang hat unser Reiseleiter eine Überraschung für uns, und nun weiss ich, warum er soviel Gepäck mit sich durch Cordoba schleppt: an einem Brunnen, an dem schon kleine Kinder ihr Lunch ausgepackt haben, gibt es einen Rotwein aus Ronda und Brot, das wir in verschiedene und sehr leckere Olivenöle dippen.

Da das Dinner erst um 20.30h angesetzt ist, beschliesse ich, auf eigene Faust etwas zum Abendessen zu suchen. Nach 3.000 Schritten und mehrmaliger Teilumrundung der Mezquita (weiter weg traue ich mich nicht, da das verwinkelte Cordoba schwierig für einen Orientierungslegastheniker wie mich ist) stelle ich fest, dass das eine Schnapsidee war. Vor 20.00h öffnet kein Restaurant. Keines? Glück gehabt – eines. Und noch mehr Glück: ich finde zurück ins Hotel.

Tag 6

„Bahnhofshalle“, sagt C. „Kantine“, findet A. Der grosse Frühstückssaal, in dem wir in der hintersten Ecke mit 16 Leuten platziert wurden, ist in der Tat nicht der Ort, an dem man zu dinieren wünscht. Deckenlampen tauchen den nackten Raum in grelles Licht, und zum Glück wissen wir noch nicht, dass das Essen genauso schrecklich wie das Ambiente ist.
Die triste Location bekommt dann noch einen Touch von Skurrilität, als vier verkleidete Musiker in den Raum hüpfen und zu El viva Espana ansetzen. A. weist mich darauf hin, dass ich Olivenöl im Gesicht habe, das auch nach mehrmaligem Tupfen nicht abgeht, El viva Espana schmettert die Truppe, und ich muss Tränen lachen.
Überhaupt lachen wir viel am Tisch, es ist eine nette Reisegruppe.

Der Weg von Cordoba nach Granada führte uns durch nicht enden wollende Olivenplantagen, ich kaufe ungefiltertes Olivenöl direkt vom Farmer und halte mein Gesicht in die warme Novembersonne. Das Leben ist schön.

Tag 7

Was schön ist.
Morgens bei klarer Luft unter Granadas blauem Himmel durch den Park zur Alhambra zu spazieren.
Die Nasridenpaläste in der Alhambra, einem Highlight der islamischen Kunst und des maurischen Stils zu bewundern.
Die Gärten der Alhambra zu besuchen und sich am schweren Duft der blühenden Rosen zu freuen.
Ein spätes Mittagessen am Strand mit Sekt und frischem Obst und leckeren Avocados und Tomaten. Und Patatas Fritas. Den salzigen Geruch des Meeres geniessen.
Aus dem Fenster des Busses die Sonne hinter den Bergen untergehen zu sehen. Ein Himmel, wie gemalt.
Ein letztes Abendessen mit der Gruppe, zusammen lachen.
Weichen Mäusespeck rosa-weiss gestreift zum Dessert essen.