
DISNEYLAND
Prolog
Ob ich Bescheid geben könne, wenn ich an der Bushaltestelle angekommen sei, fragt die Schwägerin, das Kind würde mich dort abholen, bzw. nein, kommt als nächste Nachricht, das Kind sei eben schon einfach losgegangen, es konnte nicht mehr abwarten und freue sich so sehr auf mich.
Das Kind, mit dem ich die nächsten Tage im Disneyland verbringen werde, wartet nicht nur an der Haltestelle, es rollt meinen Koffer nach Hause, bietet mir ein Glas Wasser an und überreicht mir ein Geschenk, selbst gekauft in den Pasinger Arkaden: ein kuscheliges Pikachu-Notizbuch in knallgelb. Wir werden uns gut verstehen.

Tag 1
Die rundlichen, dunkelhäutigen Frauen haben Blumen im glänzend schwarzen Haar, tragen bunte lange Kleider und viel Schmuck. Sie muten an wie die Frauen auf Gauguins Gemälde aus Tahiti, mit dem kleinen Unterschied, dass diese Reisegruppe, die im RER A unterwegs ist, singt. Es klingt wunderschön, die Frauen sind wunderschön, sie lachen und singen und lassen mich den Horrortrip nach Marne la Vallée Chessy kurzzeitig vergessen.
Zusammengefasst:
Start um 5.20h im Dunkeln an der Bushaltestelle in Pasing (der Bus kommt nicht, wir wandern vollgepackt zum Marienplatz um ein Taxi zu nehmen. 5,5 Stunden ab Hauptbahnhof nach Paris Est im TGV (dem Kind ist schlecht, es übergibt sich, spricht und isst nix, und ich bin ratlos), weiter mit der Metro 4 nach Les Halles (dem Kind geht‘s besser), dann mit dem RER A bis nach Nation, Schienenersatzverkehr mit Linie 1 bis St Vincennes, dann den Bus bis Val Fontenay, dort in den RER A bis Marne La Vallée, und dann sollte es mit dem Shuttlebus ab Bussteig Q ins Hotel gehen.
Geht es nicht. Der gesamte Busbahnhof am Disneyland ist weiträumig gesperrt, ebenso der Taxenstand. Polizisten mit Maschinengewehren patroullieren. Ein herrenloser Koffer ist der Auslöser; wir stehen zwischen Tausenden Menschen, allesamt ratlos, wie man zu seinem Hotel kommt. Wir setzen uns ratlos mit unserem Gepäck an den Strassenrand, ich kann nicht mehr. Ein (!) Taxi kommt vorbei, ich winke und laufe ihm entgegen, der Fahrer hält, er ist mein Retter des Tages, dem ich gerade jeden Preis zahlen würde (es sind €15,-).
Ich finde, ich habe heute den goldenen Pfadfinderorden verdient.

Tag 2
Nach 11 Stunden Schlaf sind wir wieder fit, heute geht es mit dem Shuttlebus – der wieder fährt – ins Disneyland. Wir haben eine Liste gemacht, was wir uns ansehen möchten und die wir bereits nach 5 Minuten über Bord werfen. Wir beschliessen, uns das anzuschauen, was uns über den Weg läuft und uns anlacht.
Flexibel sein können wir, und dank dessen erleben wir so viele schöne und aufregende Dinge, die wir sonst nicht gesehen hätten. Nach der abendlichen Disneyparade und 15.213 Schritten geht es zurück ins Hotel.
Der Tag erhält von uns 10 von 10 möglichen Punkten.

Tag 3
Wir starten heute mit den Disney Studios, die wir genauso schnell wieder verlassen wie wir hineingegangen sind. Loopingbahnen habe ich verboten (Warnhinweise für Reisekranke (Kind) und Bluthochdruckler (ich) reduzieren die Diskussionen.
Wir gehen rüber ins Disneyland und stellen uns wieder bei den Pirates of the Caribbean an, die wir am besten fanden. Ich möchte auch nochmal in die Boote, die durch die „small world“ gleiten, zwei weitere Zugfahrten, ein Ocean Cruise durchs Frontierland, Paraden, ein riesiger Drache in der Höhle des Cinderella-Schlosses, Hotdogs (für mich die vegetarische Variante) und Pommes runden den Tag ab. Wir holen uns leckere Sandwiche und Salat fürs Dinner und ruhen uns etwas aus (das war mein Plan, das Kind ist zu aufgeregt), denn um 21.30h werden wir wieder ins Disneyland shuttlen, da um 23.00h das Feuerwerk über dem Cinderella-Schloss startet. Und das ist wirklich schön.

Tag 4
Entgegen der Vermutung der Verwandtschaft, fahren wir heute nicht nach Paris (die komplizierte Anfahrt hat uns gelangt), wir legen einen Trödeltag ein. Wir liegen lesend auf dem Steg am See, essen Eis (ich) und trinken Icetea (das Kind), schwimmen im Pool, bewundern die Lightshow in der Lobby und freuen uns auf unser Abendessen. Heute werde ich zum Buffet eingeladen.

Tag 5
Das Kind kotzt, sage ich hilflos zu der Verwandtschaft, die um 22.30h im Pyjama vor die Haustür guckt, und deute auf das Häufchen Elend, das, den Kopf in der Tüte, gekrümmt in der Hecke liegt. Es wird gerettet.
Statt eines Donnerwetters – und mir ist es unangenehm, das Kind in einem derart desolaten Zustand nach Hause zu bringen – nimmt es die Verwandtschaft gelassen; sie kennen ihr Kind. Natürlich tut es uns ziemlich leid.
Das Kind sass bereits am Gare de l’Est stumm, bewegungslos und mit geschlossenen Augen auf der Wartebank. 5,5 Stunden im TGV verliefen ebenso, ich ernte böse Blicke der Mitreisenden, die vermutlich denken, dass ich eine Rabenmutter bin. Bis auf Wasser hat es alles ausgeschlagen und will auch nicht angesprochen werden.
Ich hole mein Buch aus dem Rucksack und lese. Was bleibt mir anderes übrig.
Beim späten Abendbrot fängt es wieder an zu essen und zu sprechen. Und am nächsten Tag, dem Tag meiner Abreise, will es sogar schon wieder mit mir verreisen, Asien täte ihm gefallen…
Im nächsten Jahr ist erstmal die Schwester für den Urlaub mit der Tante an der Reihe, die sei auch robuster, meint die Verwandtschaft. Sie fahre überall mit mir hin, sagt der Zwilling, und ich freue mich schon auf einen Mädelsurlaub.
Dann gucken wir zusammen die Disneyfotos an, und der Urlaub erhält vom kotzenden Kind 10 von 10 Punkten. Die Anreise -1 von 10. Das kann ich ihm auch nicht verübeln. In ein paar Jahren können wir da hoffentlich drüber lachen.
