MALLORCA
Prolog

„Ich hab genug von dem Wetter und buche mir ein One Way-Ticket nach Mallorca!“, sagt der Freund. „Ich komme mit!“, rufe ich spontan – und kaufe mir ein Return-Ticket. Das Laptop funktioniert ja auch am Meer im warmen Spanien.
Der Koffer geht gut zu, stelle ich zufrieden fest und sehe aus dem Augenwinkel, dass auf dem Bett noch die Pullover, Hosen und die Daunenweste (man weiss ja nie) liegen. Anfängerfehler. Zurück auf Start und neu packen.
Morgen geht es los.


1
Urlaub ist dringend nötig: ich vergesse die Hälfte der Klamotten in den Koffer zu packen, lasse die Flasche Wasser im Handgepäck (die Security sieht alles), ich gehe ohne Handtuch zum Schwimmen (und schleiche nass durchs Foyer zu meinem Zimmer), ich muss im Eroski Markt (oder war es der andere?) vergessene Gesichtscreme nachkaufen, aber die Sonne hängt fest am blauen Himmel, ein Fixpunkt im Tal der Vergessenheit.
Heute machen wir einen Ausflug nach Valldemossa: man sagt, das sei der schönste Ort der Welt. Das Navi führt uns über schlängelige Strassen ins bergige Landesinnere, und dann spazieren wir durch einen wirklich schönen Ort, der etwas verwunschen wirkt mit seinen kleinen Häuschen aus hellem Stein und der beiden Kirchtürme, die hoch empor ragen.
Wir sitzen im T-Shirt im kleinen Garten eines Cafés, trinken Roibuschtee und essen geröstetes Brot mit Aioli, es ist Januar, und das, das kann man hier in der warmen Sonne wirklich vergessen.

2
Gestern Mittag gab es in Valldemossa geröstetes Brot mit Aioli und Tee im Garten eines kleinen Cafés, heute ein Brötchen mit Käse belegt und ein Cappuccino in Sóller in einer einfachen Bäckerei.
Die Sonne scheint auf die kleinen verwinkelten Gassen, der Himmel, so blau.
Wir fahren zum Hafen, die kleinen Boote tanzen sachte vor sich hin, eine Cola am Nachmittag und abends ein Sonnenuntergang. Mehr braucht es nicht, um im Januar glücklich zu sein.

3
Ein Tag zur freien Verfügung – es sollen 23 Grad werden – den möchte ich am Strand bzw. auf der Liege lesend in der Sonne verbringen. Wir machen einen Vormittagsspaziergang entlang der Promenade am berüchtigten Ballermann 6 vorbei, die ersten trinkfreudigen Touristen sitzen mit Vodka und Bier am Wegesrand und singen. Soll jeder machen was er will, auch wenn mir meine Landsleute peinlich sind.
Ich schwimme im Indoorpool, den ich wieder für mich allein habe, danach trödele ich durch den Nachmittag.
Am Samstag fahren wir nach Palma, besichtigen die Kathedrale, bummeln durch die Gassen, trinken Cappuccino und kaufen frische mallorquinische Mandeln.
Zurück im Hotel, sitzen die kettenrauchenden und beängstigend hustenden Terassen-Nachbarn wieder beim Kniffeln, schüttelschüttel-klack-klack-klack wird dem nächsten fantastischen Sonnenuntergang entgegengespielt.
Es geht mir gut.
4

Wir haben uns eingetrödelt: Frühstück um 9.30h, danach schwimmen oder spazierengehen, mittags dann in unserem kleinen weissen Mietwagen zum Ausflug.
Am Port d‘Andratx schlendern wir an den Yachten entlang, sitzen auf einer Bank unter den Bäumen und schauen aufs Wasser, essen in einem Café leckere Sandwiches und fahren überraschenderweise – Google-Navigation sei Dank – hoch hinauf in die Berge und haben einen tollen Blick über die Küste, die unter uns in der Sonne liegt.
Heute geht es noch einmal nach Palma, wir möchten unbedingt den Mercado besuchen: die Begeisterung ist gross, es duftet nach frischem Kaffee, die Gemüse- und Obstvielfalt ist beeindruckend, wir kaufen frische Medjool Datteln, mallorquinische Mandeln und klebrige Florentiner, trinken grünen japanischen Sencha-Tee in einem wunderschönen und eleganten Café, probieren gewürzte Frischkasedips und verschiedene Balsamicodressings und trödeln zum Sunset zurück zum Meer.

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Tag 1
9.15 Uhr. Die beiden Typen links von mir riechen schon jetzt stark nach Alkohol. Rechts von mir steht eine Gruppe, die am diskutieren ist, ob man besser am Hamburger Flughafen eine Flasche Gin kaufen sollte – für den Anfang. Einer rennt los, eigentlich beginnt nun schon das Boarding.
„Jack Daniels gibt es hier“, stellen Hannes und Jannis neben mir in der Sitzreihe zufrieden fest, bevor sie sich eine Reihe weiter nach hinten verziehen. Darüber bin ich nicht traurig. Die Stewardess gibt ihrem Kollegen ein Zeichen: die beiden Typen, die mir schon beim Boarding aufgefallen sind, schwanken durch den Gang.
Ich packe mein belegtes Schwarzbrot aus und vertiefe mich in mein Buch: „…jetzt kam er mit einem Glas, einer gewöhnlichen Pernod-Flasche und einer kleinen enghalsigen Wasserkaraffe zu ihnen herüber.“ Auch bei Ernest Hemingway wird schon munter am morgen getrunken.
Was mache ich hier überhaupt? Spontan sitze ich im Flieger nach Mallorca, zwei Tage vorher gebucht. Porto Cristo, ein kleines Hotel, vor dem das Meer türkisfarben am weissen Sandstrand liegt. „Sie haben ein Upgrade bekommen“, sagt die nette Rezeptionistin. Nun schaue ich vom Bett und vom Balkon aufs türkisfarbene Meer und lausche den Wellen.
Wenn Herausforderungen, die so leicht nicht zu beheben sind, das Leben ins Ungleichgewicht bringen , könnte man vom Dach springen. Oder aufs Meer schauen. Ich schaue aufs Meer. Genauso wie Catherine und David in Hemingways Roman. Ohne Pernod.

Tag 2
Wenn ich schon mal gelebt habe, dann vor vielen tausenden Jahren als Höhlenmensch. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sich bei mir in Höhlen – heute sind es die Cuevas del Drach in Porto Cristo – ein innerer Frieden einstellt.
Ich spüre eine nie dagewesene Ruhe, auch wenn ich die Stimmen der anderen Höhlenbesucher und das kleine klassische Konzert, welches das Streichquartett im Amphitheater auf einem Holzboot auf dem Martelsee spielt, wahrnehme. Puccinis „Nessun dorma“ – keiner schläft – erklingt – wir lauschen im Dunkeln der riesigen, Millionen Jahre alten Tropfsteinhöhle, in der die Zeit keine Rolle spielt.

Tag 3
Nach zwei verregneten Tagen strahlt die Sonne am tiefblauen Himmel. Im Yachthafen wird an den Booten gearbeitet; es riecht nach Kleber, Segelmasten klappern, ich schlendere am Pier entlang, an dem die ersten Cafés ihre Stühle aufstellen.
Mein Ziel ist der Besuch der anderen Seite Manacors, wo der Nauticclub sitzt und eine kleine Hafenmole zum Verweilen einlädt.
Der Hafen mündet in einem verwinkelten Kanal, und selbst als Orientierungslegastheniker erkenne ich, dass ich die kleine Brücke bereits gestern stadtauswärts überquert habe, als ich zu den Drachenhöhlen gewandert bin. Zur anderen Seite führt mich der Weg jedoch nicht; er endet an einer Treppe, die in dichtes Gebüsch führt. Vielleicht habe ich deshalb auch noch niemanden auf der Mole gesehen. Ich kehre um und trödele an den Fischerbooten entlang zurück ins Dorf.
Ein bisschen komme ich mir wie in Ernest Hemingways Roman vor, in dem die Protagonisten in kleinen französischen und spanischen Fischerdörfen durch den sonnigen Tag trödeln.

Tag 4
Nachdem ich in den Tiefen der Tropfsteinhöhlen und im Herzen des Fischerhafens war, erkunde ich heute die Dorfstrassen, die sich bergaufwärts winden. Rotgelbe Sandsteinhäuser, hinter deren grünen Rolladen die Stimmen der Mallorquiner in der Mittagszeit zu hören sind, liegen in der Sonne.
Eigentlich gehe ich nicht gern aufwärts, da ich schnell ausser Atem gerate, aber jetzt wandere ich enthusiastisch die Strassen und Stufen hinauf. Ich fange an, das Dorf zu verstehen.
Eine Lunchpause war nicht geplant, aber beim leckeren Geruch von Gegrilltem, der von der Terrasse des Flamingo weht, entscheide ich mich um. Das Flamingo hat einen herrlichen Blick über die Bucht und den Hafen von Porto Cristo und das türkisglitzernde Meer.
Das hebt meine Stimmung, da ich gestern meine gute Sonnenbrille verloren habe, die mich viele Jahre durch die Welt begleitet hat.
Ich sitze am Strand, schaue den ballspielenden Kindern zu, geniesse den dritten Tag in Folge Frozen Yoghurt und finde später sogar die Brille wieder. Jetzt könnte ich auf dem sonntäglichen Markt, der gerade vorm Hotel aufgebaut wird, einen Brillenstand eröffnen: 4 Lesebrillen (eine auf dem Flughafen gekauft, da ich dachte, ich hätte nur eine dabei) und 2 Sonnenbrillen (wiedergefunden und eine günstige dazugekauft) habe ich nun dabei.
Die Sonne geht auf. Tauben gurren, frischer Kaffeegeruch liegt in der Luft, ich höre das Wellenrauschen und die Stimmen der Marktfrauen.
Meine Stimmung ist genauso rosa
wie der morgendliche Himmel, und damit ist das Ziel dieser spontanen Reise erfüllt.

Tag 5
Nach dem Frühstück kaufe ich eine dunkelblaue Leinenbluse auf dem Markt, wie sie auch Catherine und David in Heminways Roman tragen und mache mich auf den Weg. Ein sonniger Tag liegt vor mir.
Meinen Koffer habe ich an der Rezeption des Hotels, das übrigens das älteste auf Mallorca ist, deponiert. Ich schlendere zum Hafen hinunter, klettere (wieder) über mir nicht verständliche Absperrungen, vorbei an den Fischerbooten und den vielen Ständen, die man hier aufgebaut hat. Ich scheine in ein maritimes Volksfest geraten zu sein; kleine Meerjungfrauen singen und schwenken bunte Tücher, eine Ecke weiter werden Holzfische aus einem Dekoteich geangelt. Ich lasse mich von der guten Laune anstecken, denn etwas wehmütig war ich heute morgen schon, als ich ein letztes Mal auf meinem Balkon mit Aussicht stand.
Ein letztes Mal zum Strand, ein letzter Frozen Joghurt vor der Eisdiele mit den roten Stühlen, ein letztes Lunch auf der Terrasse und ein paar Minuten an den Pool, bis der Taxifahrer mich abholen kommt.
„Taxi Grande“ konstatiert er, denn es ist ein grosser Reisebus, der auf dem Parkplatz wartet und in dem ich der einzige Fahrgast bin.
Ein letztes Mal an den Olivenbäumen längs und an den kleinen Windmühlen, und feststellen, dass diese kurze Reise sehr schön war.
