
MONTENEGRO
Prolog
HUuHUUU
Wir haben ein Problem!!!
UHoooH
Eigentlich will ich gar nicht wissen, was das Problem ist; mir kommt kurz in den Sinn, die Nachricht des Kollegen auszusitzen, nur noch drei Stunden, denn dann ist Urlaub.
Natürlich rufe ich ihn an – und wir finden eine Lösung.
Massage, Gym und ab nach Hause, den kleinen Koffer (Madrid) in den Keller gebracht und gegen den grossen Koffer ausgetauscht.
Montenegro, here we come.

Tag 1
Wie schön ist das denn, denke ich, als ich über den Flugplatz in Tivat zum Terminalgebäude laufe: um uns herum die Berge und satte grüne Bäume, deren Blätter hell in der Sonne leuchten, die Luft ist mild und warm.
In Kotor marschieren wir mit dem Gepäck am Hafen entlang, durchs Stadttor in die Altstadt, der gepflasterte Weg führt bis zum kleinen Boutiquehotel, das von trubeligen Cafés eingerahmt ist.
Mein Zimmer hat Prinzessinnencharme und mutet wie eines der 2.800 Zimmer des spanischen Königspalastes, den ich vor einer Woche in Madrid besichtigt habe, an.
Nur 15 Minuten, dann trifft sich die 11-köpfige Reisegruppe zum Abmarsch zum Dinner, das wir unterm freien Himmel einnehmen.
Erstmals gibt es zwei Veganer unter den Mitreisenden, da bin ich als Vegetarier-mit-Huhn mal nicht der komplizierte Fall, auch wenn Montenegro eher mit einer Meeresküche aufwartet. Bruschetta, Risotto und Kotor-Kuchen für mich, wobei mir der Kuchen wieder weggenommen und durch eine Obstplatte ersetzt wird – heute komme ich nicht zum sündigen.

Tag 2
„Give me two Euros and you are free“, ruft die Frau hinterm Schalter mir zu. Ich entkomme der Geiselhaft, in dem ich die Schlange umrunde, die in der Post komplizierte Geldgeschäfte abwickelt statt simpel Briefmarken zu kaufen und lege das Porto für meine zwei Karten auf den Thresen.
Die Seilbahnfahrt fällt aus. In der Nacht hat es stark geregnet, noch immer hängen graue Wolken über den Bergen. Stattdessen werden wir die Kirche, die gestern geschlossen hatte, besichtigen.
Geiselhaft auch in der Kirche, wir sitzen oben im Turmmuseum fest, ein heftiger Regen will nicht aufhören. Das kann ja heute noch heiter werden.
Am Nachmittag marschieren wir durchs grüne Nirgendwo, um auf eine Festungsruine zu klettern, was das mal genau war, bekomme ich nicht mit, da ich mit hoch-und runterklettern zu beschäftigt bin.
Highlight des Tages: Klinci Village. Das Dorf besteht nur aus acht Einwohnern, überhaupt leben in diesem Landstrich keine 200 Menschen. Olivenbäume und ein paar Kühe gibt es hier, Obst, Gemüse und Kräuter werden ganz natürlich angebaut. Wir helfen beim Kochen in der Aussenküche, sitzen an schönen Tischen unter Bäumen und blicken aufs Meer bis nach Kroatien. Otto, der Hund, liegt faul zu meinen Füssen. Das Leben ist schön.

Tag 3
Wir sehen tiefblaue Seen, die inmitten der Berge liegen, Miesmuschelfarmen, als wir Kotor verlassen, hinauf in die Berge durch Tunnel und Schluchten, Ebenen, auf denen Schafe weiden, immer höher, die Vegetation verändert sich und wechselt zu schroffen Steinen, Felsen, die Berge schneebedeckt.
Unser Mittagessen nehmen wir heute in der Nähe von Niksic auf einem 100-jährigen Bauernhof ein, der versteckt und abseits der Strasse irgendwo im Grünen liegt: drei Hunde und sechs Katzen platzieren sich strategisch unter dem liebevoll gedeckten Tisch auf der Veranda. Der Duft des Essens mischt sich mit dem der vielen Kräuter und Blumen, die hier wachsen. Zwischen Vorspeise und Hauptgang besichtigen wir den Hof. Auch wenn die Bienenstöcke, die vielen Einmachgläser im Keller, die Blumen, Kirsch- und Apfelbäume romantisch wirken, erkennt man das harte und einfache Leben auf dem Land. Wie auch gestern sind wir von der Gastfreundschaft beeindruckt.
Nachdem ich gestern Olivenöl erstanden habe, verstaue ich heute ein Kilogramm Honig im Rucksack.
Tag 4
Das blau-fröhliche Wasser, auf dem wir eben noch mit unserem kleinen Motorboot düsten, hat sich unmerklich in schwarzes Meer verwandelt. Wellen schlagen an den aufragenden Bug, Gischt spritzt ins Gesicht, ich schmecke Salz auf den Lippen und halte mich am Sitz fest.
Unser Kapitän wird nervös. Er funkt das andere Boot an, ob wir umkehren sollten, das Meer ist rauh, die blaue Grotte noch längst nicht in Sicht. Weiter gehts, gibt das Schwesterboot durch, wir steuern aufs offene Meer. Saftey first, denke ich, meine Stimmung macht einen Satz nach unten, während ich abschätze, welche Klippen man im Notfall schwimmend erreichen könnte.
In der blauen Grotte ist es ruhig. Das Wasser ist tatsächlich unwirklich leuchtend blau, der Sturm bleibt draussen.
Nach drei Stunden sind wir wieder an Land, wohlbehalten und etwas nass, das macht aber nichts. Wir bedanken uns mit einem Trinkgeld bei unserem Kapitän, der uns sicher wieder an Land gebracht hat.
Ausserdem haben wir einiges gesehen und besucht: die Kirche St Marien, die auf einem Felsen thront, einen ehemaligen U-Boot-Tunnel, Stadtrund- und Stadtmauergang, der Besuch des maritimen Museums und drölfzig Katzen, die hier sowas wie die heiligen Kühe in Indien darstellen.

Tag 5
Tara-Schlucht, längste und grösste Schlucht Europas, zweitgrösste weltweit. Perfekter Spot fürs Ziplinen.

Tag 6
Ohne Goran würden wir wahrscheinlich längst am Fusse einer Schlucht liegen. Souverän navigiert er den Minibus die Serpentinen hoch, um uns dichter Nebel, rechts ein zu erahnender Abhang und entgegenkommende Autos, an denen er vorsichtig vorbeischlängelt. Goran ist die Ruhe selbst und steigt auch mal aus, um Autos an uns vorbeizudirigieren.
Dann geht es zu Fuss einige glitschige Felstreppen durch den Wald hindurch, bevor wir vorm serbisch-orthodoxen Kloster Ostrog stehen.
Der Heilige Vasilije fand hier seine letzte Ruhe, und sein unversehrter Körper wird bis heute als Wunder verehrt.
Nun gut. Wir stiefeln wieder runter, diesmal nehmen wir die Serpentinen, und ich werde mit meiner ersten türkischen Toilette dieser Reise konfrontiert – mag ich so semi, aber bin durch Tibet abgehärtet.
Der beste Teil des Tages kommt noch: auf zum Weingut Radevic, gegründet von einem Ärztepaar und wunderschön. Im Weinkeller geht es zur Verkostung und zwar in dieser Reihenfolge: Schnäpse, Chardonnay, Orange, Rosé, Cabernet Sauvignon, Shiraz, Vranaz
Weißer Port und Brandy. Ich nippe an den Weinen, Schnaps, Port und Brandy trinke ich grundsätzlich nicht.
Die Stimmung im Weinkeller ist heiter, im Bus schlafen alle um mich herum, auch H., der mich ab und an über die Sitze anknufft, hat jetzt die Augen geschlossen.
Weiter gehts in Richtung Budva, eine Kaffepause in einem Dorf, ein Stop bei untergehender Sonne am See, und dann, mit zwei Stunden Verspätung, rollen wir in Budva ein.

Tag 7
„Das ist eine gute Reise“, sagt Edmond, unser albanischer Guide. Bisher habe sich keiner verletzt. Auf jeder Reise würde sich sonst jemand verletzen.
Wir spazieren zum Hafen, die Sonne senkt sich über die kleinen Boote, die friedlich vor sich hinschaukeln. Das Porto, in das wir einkehrenn, ist ein Fischrestaurant – für die vegetarisch-vegane Fraktion gibt es ein alternatives Menü – mit Blick aufs Wasser und die Berge. Es mutet wie eine urige Spelunke an, Gemälde und Steuerborde sind an die Decke genagelt, ein dichtes Pflanzengewirr rankt herunter. Ein Musiker singt zum Gitarrenspiel, ein Paar tanzt, es wird geklatscht und gesungen. Nun fehlen nur noch die Piraten und Captain Jack Sparrow. Und tatsächlich entdecke ich später auf einem Foto, das Johnny Depp hier auch schon gewesen ist.

Epilog
Ein Flughafen, Koffer aufgeben, Security Check, Passkontrolle, warten, boarden, der nächste Flughafen, Passkontrolle, boarden, Koffer holen, Sammeltaxi, die Haustür öffnen.
Wenn es nach mir ginge, würde ich nach ein paar Tagen zu neuen Zielen aufbrechen: zum nächsten Flughafen, boarden, aus dem Fenster schauen, auf Wolken, Berge oder Flüsse, die sich durch die Landschaften schlängeln, auf dem Screen staunend (noch) unbesuchte Länder verfolgen, über die man gerade fliegt und dann aussteigen: unbekannte Luft einatmen, auf Madeira duftet sie zum Beispiel nach Blumen, in Llhasa ist sie so dünn, das man ins Schwanken gerät…Menschen kennen lernen, Kulturen entdecken, neue Sicht- und Lebensweisen erleben, fürs Leben lernen, Erlebnisse und Erinnerungen sammeln.
Auf Reisen lebe ich intensiver. Die Zeit, wenn auch kurz, wird effizienter genutzt, selbst wenn ich innehalte. An diese Woche kann ich mich besser erinnern als an 20 andere, die ich zuhause lebe, obwohl ich auch dort die Zeit nicht im Keller verbringe (sondern Geld für meinen Lebensunterhalt und die Reisen verdiene).
Albanien sieht auch schön aus, schreibe ich der besten Reisebegleitung. Also noch ein Ziel mehr, antwortet sie.
Es gibt noch viel zu entdecken.