
SANTORINI-RHODOS-LIMASSOL-MARMARIS
Prolog
„Und wann fahren wir zusammen in Urlaub?“
Mein Gegenüber schaut mich erwartungsvoll an, während ich perplex zurückstarre.
Eine gemeinsame Reise stand nie zur Debatte.
Ich möchte Abenteuer erleben. Der Freund verbringt seine Zeit gern am Strand.
Ich mag Eisberge und Gletscher. Der Freund blinzelt gern bei heissem Wetter in die Sonne.
Ich mag Gegenden erkunden, in Nomadenzelte gucken und auf die nächste Burg klettern. Der Freund möchte am Strand joggen oder ins Gym aufs Laufband.
Ich möchte den dicken Teppich der Moschee unter meinen Füssen spüren und die kühlen Fliesen der Pagode. Der Freund steckt seine Füsse lieber in den warmen Sand.
Ich mag im Wohnzimmer bei Einheimischen essen, irgendwo am Ende der Welt. Der Freund mag gutes Essen im Restaurant.
Wir beschliessen, das Thema zu diskutieren und Präferenzen auszuloten. Vielleicht finden wir ein gemeinsames Ziel, das beiden gerecht wird und ohne den anderen zu überreden. Und wenn es kein gemeinsames Ziel gibt, dann ist es auch ok.
Morgen stechen wir in See.

Tag 1/2
Meine Top 3 des Tages:
- ich möchte einen Sonnenhut kaufen
- schöne Fotos machen
- entspannt mit dem Freund Kaffee Frappé trinken, mit Blick auf weisse Häuser und blaue Kuppeln.
Umsetzungsquote: 100%

Tag 3
Als ich um 7.45h vom Schwimmen komme – an Deck gibt es einen 25-Meter Pool – steht der Freund oberkörperfrei auf dem Balkon, den Rücken mir und sein Blick dem Meer zugewandt, und macht seine Stretch- und Mobilityübungen.
Early birds we are.
Eigentlich dachte ich, ich bin der einzige early bird, als ich um 6.50h verschlafen Richtung Pool aufbreche. Weitere 14 early birds sind bereits im Wasser und trödeln ihre Runden. Ich reihe mich ein. Es ist zwar extrem trödelig, aber keiner kommt sich in die Quere. Die beiden Krauler ziehen mittig ihre Bahnen, die Trödler kreisen um sie herum, wie ein Schwarm unbefangener Fischchen, in deren Mitte die Haie zackig umherschwimmen.
Meine Top 3 bis mittags:
- Delphine springen aus dem Meer und tauchen schnell wie Pfeile wieder unter, um dann wieder hochzuschnellen
- im Fahrstuhl treffe ich auf eine Gruppe kleiner Kinder samt Kidsclub-Betreuung, die Kugelfisch 🐡 spielt (mit aufgeblasenen Backen kann man im Fahrstuhl nicht Rumkreischen)
- a. frühmorgendliches Schwimmen unterm blauen Himmel und 3.b. (da ich mich nicht entscheiden kann) im schattigen Strandkorb sitzen, lesen, eine alkoholfreie Pina Colada geniessen und den spielenden Delphinen zuschauen

Tag 4
F*ck Limassol“, sage ich laut, als ich morgens kurz vor 7h am Pooldeck stehe und auf die hässliche Skyline der zypriotischen Stadt blicke, an der wir gerade anlegen.
Limassol ist nicht nur hässlich, ich hege auch einen Groll auf meinen ehemaligen Arbeitgeber, der hier sein Headquarter hat, zu dem ich regelmässig gereist bin.
Da der grosse Pool wieder stark von anderen early birds frequentiert ist, steige ich in das kleinere Becken, das ich dafür aber für mich habe.
Um 9.45h sitzen wir im Bus und machen uns auf den Weg in die zypriotische Hölle. 38 Grad zeigt das Aussenthermometer, und es ist noch nicht mal 10.00h.
Schuld daran, dass wir jetzt einen Landgang bzw. einen Ausflug machen, ist der Freund, der einen Länderpunkt sammeln will. Dafür halten wir unter der brennenden Sonne an einer Ausgrabungsstätte, einer Ruine (mit toter, stinkender Ziege) und einem erstaunlich schönen Strand, für den leider keine Badezeit eingeplant ist, bevor wir uns zum Highlight dieser zypriotischen Hölle aufmachen: ein Plantagenbesuch steht an, und sowas liebe ich ja. Wir probieren leckere Orangen und Pampelmusen und trödeln im grünen Schatten der Weintrauben, die ein Dach über unseren Köpfen bilden, umher.
Ich vermisse eine Führung des Plantagenbesitzers, der Freund vermisst seine Sonnenbrille, die eben auf jener Plantage liegengeblieben ist.
Zypern und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr.
Tag 5
Auf Rhodos legen wir recht spät an; genug Zeit, um morgens wieder zu schwimmen bzw. zu joggen und danach in Ruhe zu frühstücken. Um kurz nach 11h gehen wir an Land. Es ist sonnig, heiss und recht voll in der hübschen Altstadt, ich kaufe einen Ledergürtel (zu spät fällt mir ein, dass ich keine Hosen mit Gürtelschlaufen besitze), der Freund kauft sich ein Armband, wir bummeln herum und wieder zum Schiff.
Mittagspause und dann den Nachmittag im Spabereich vertrödeln (hier gibt es hübsche hellgrüne Badetücher). Am frühen Abend machen wir uns nochmal auf in die Stadt, um unter einem riesigen Eukalyptusbaum an einem weissen Holztisch griechischen Salat, Tsatski und Chicken-Gyros zu essen.
Sunset in der Bar auf Deck 14. Das Auslaufen verzögert sich, Kabine 6184 wird ausgerufen – wir spekulieren, was da wohl los sein mag…ich baue auf meinen kommunikativen Schwimmfreund M., den ich morgen um 7.00h wieder im Pool treffe.

Tag 6
Marmaris. Oder: ich mache es kurz.
Ein wunderschöner Yachthafen an der türkischen Riviera, der an Port d’Andratx erinnert und uns morgens mit 38 Grad empfängt.
Die eigentlich kurze Strecke vom Schiff zum Terminal legen wir mit einem bedachten Shuttle zurück, ich möchte keinen Meter zuviel unter der Sonne des Südens laufen. Ich frage mich – wie eigentlich immer auf Reisen in heisse Gefilde – warum ich das mache: Juli, Türkei und ich – eines davon passt nicht dazu. Juli, Türkei und Du – eines davon passt nicht dazu, sagt der Freund und begleitet mich zum Taxenstand, bevor ich kollabiere.
Zurück zum Schiff, sage ich dem freundlichen Taxifahrer und habe das Glück, dass ich aus der langen Schlange der Rhodos-Reisenden am Terminal herausgewunken werde und eine Abkürzung nehmen kann.
Ich bin übrigens längst nicht die einzige, die frühzeitig den Rückweg angetreten hat.
Deck 14 schmilzt, schreibe ich dem Freund, der noch durch den Basar und die Gassen läuft, und schicke ihm das Foto mit der umgekippten Eistüte.

Tag 7/8
Die heissen Tage in Marmaris und Limassol in Kombination mit der auf 19 Grad heruntergekühlten Kabine zollen ihren Tribut. Ich huste, schnupfe, hals- und kopfschmerze.
Damit bin ich in guter Gesellschaft: ob im Spa, auf dem Pooldeck oder in den Restaurants – ich höre Gleichgesinnte. „Brigitte ist auch platt“, sagt mein Schwimmfreund Manfred, denn seit zwei Tagen falle ich krankheitsbedingt beim morgendlichen Trödelschwimmen aus.
Funfact: ich habe erstmals keine Reiseapotheke dabei und bin verblüfft, als der Freund Nasenspray und Ohrentropfen für den Flug parat hat. (nicht nachmachen: in Kombi mit den Blutdrucksenkern ist das keine gute Idee).
Etwas rumdümpeln im schicken Spa, etwas rumliegen am Pool, zu mehr bin ich nicht zu gebrauchen.
Highlights der letzten zwei Tage:
- der Freund bringt (selbstständig) Zitronenwasser und alkoholfreie Cocktails zu meiner Liege
- Dialog am Morgen:
Ich: Du schnarchst.
Der Freund: DU schnarchst. Ich hab nur zurückgeschnarcht. - Die auf der Plantage verlorengegangene Sonnenbrille des Freundes ist wieder da: ich trage sie – während wir uns an Deck unterhalten – bestimmt zehn Minuten im Gesicht ohne dass er es registriert
- Ein orangener Vollmond über dem Meer

