TROMSO

Tag 1

Über mir ist es schwarz wie die Nacht, am Horizont verläuft ein gelber Streifen, unter mir ist es grau und düster: Eisschollen, die sich aufeinandertürmen, das schwere Meer oder sind es wilde Wolken? Es könnte alles sein, oder auch nichts.

Kalte, klare Luft strömt in den Flieger, als sich die Türen öffnen. Ansonsten herrscht Dunkelheit in Tromso, nur die Mittagszeit wird in subtiles Dämmerlicht gehüllt: Polarnacht.

Zum zweiten Mal stehe ich heute in der falschen Schlange an: Um 6 Uhr haben mich die luftig gekleideten Menschen irritiert, die nicht wie ich in Arktisoutfit nach Tromso sondern nach Malaga fliegen wollten. Nun fragt mich der Passkontrolleur, wo ich denn hin möchte. Nach Tromso ins Hotel, antworte ich und werde aus der Reihe der Wartenden nach Svalbard ausgemustert.

Es stürmt. Das Glockengeläut der Eismeerkathedrale weht über das Meer, eine Kette schneebedeckter Berge umschmiegt die graue See, die gelben Lichter der Häuser und der Weihnachtsbeleuchtung tanzen durch die Dunkelheit.

Ich fühle mich heimisch, auch wenn die ewige Nacht irritierend und die vereisten Wege gefährlich sind. Nur die Storgata ist beheizt und somit eisfreies Gebiet.

Abends setzt der Schneesturm ein; dicke Flocken fliegen um die Strassenlampen, erhellen die Stadt und versuchen, die Aufgabe der fehlenden Sonne zu übernehmen.

Tag 2

Ewige Nacht. Ich muss mich tatsächlich etwas aufraffen, um im Dunkeln an den Hafen zu gehen, die Schiffe anzuschauen und schon mal zu orten, wo mein abendliches Abenteuer starten wird.

Ich glitsche weiter zum Polarmuseum, vor dem schon die ersten Interessierten auf Einlass warten. Hier geht es ums (Über)Leben in eisiger Natur, hier wird das Leben der Polarforscher Roald Amundsen und Fridtjof Nansen näher gebracht, hier gibt es ausgestopfte Eis- und Braunbären und eine Menge Robben. Ich klettere in eine nachgebaute Unterkunft und bin doch froh, im hier und jetzt zu leben und aus der Bäckerei ein belegtes Brötchen zu holen statt Robben zu erlegen.

Da L5S1 – meine gecrashte Bandscheibe – sich wieder meldet, trödele ich am Hafen entlang zurück zum Hotel, mache einige Stretchübungen und genehmige mir einen Mittagsschlaf. Der Abend wird noch anstrengend genug.

Tag 3

Kurze Version:
Das Abenteuer fiel ins Wasser.

Lange Version:
Ich stehe um 20h im Dunkeln am Hafen, der Wind weht mir den Schnee ins Gesicht. Auf den Booten kann ich keine Aktivitäten zum Ablegen ausmachen, und den Katamaran, mit dem ich samt sieben weiteren Passagieren ins Meer stechen möchte, finde ich nicht. Ich krame mein Handy aus der Jackentasche und sehe schon den verpassten Anruf mit norwegischer Vorwahl: der Mitternachtstörn zum Nordlichter schauen fällt wetterbedingt aus. Ein Blick zum Himmel bestätigt die Entscheidung: Wolken, Hagel und Schnee tanzen über mir, aber heute bestimmt keine Nordlichter.

Ist nicht so schlimm, immerhin hab ich sie schon mal gesehen, nachts um drei im Nordpolarmeer an Deck des kleinen Expeditionsschiffes, mit dem in Grönland war.

Ich glitsche noch etwas am Hafen entlang und überlege, ob die Alternative, nämlich mit dem Bus durch Nacht und Natur bis Finnland zu fahren, besser gewesen wäre, bin aber irgendwie doch ganz froh, ohne gebrochene Knochen wieder im Hotel zu landen.

Note to myself: ernsthaft – ein Kurztrip – zwei Nächte – im hohen Norwegen ist schon verrückt. Davon in Betracht zu ziehen, die eine Nacht bis morgens um 3h per Bus nach Finnland und wieder zurück nach Norwegen zu fahren, ist die Steigerung von verrückt. Oder?