USBEKISTAN

Prolog

Ich weiss gar nicht, was ich skurriler finde: die gerahmten Bilder mit Jesus oder die Dose Bockwürste, die die Dame mit der auffälligen Holzkreuzkette auf dem Tischchen im ICE nach Frankfurt vor sich stehen hat.

Derweil sinniere ich vor mich hin, warum sich ferne Orte für mich nach zuhause anfühlen, zumindest mehr als die deutschen Destinationen, durch die die Deutsche Bahn gerade rumpelt.

Oder ist Heimat dort, wo ich gerade bin, wenn ich in mir ruhe? Ich ruhe in mir, wenn ich in Nizza bin. Oder auf Madeira. Oder in der Antarktis, in Grönland und im Nordpolarmeer und in Myanmar, wo ich mein buddhistisches Zeichen – der Tiger, der nach Osten schaut – in den goldenen Pagoden mit Wasser begiesse.

Ob ich in so malerisch klingenden Orten wie Taschkent, Samarkand, Buchara und der Alten Seidenstrasse in mir ruhen werde?

Das wird sich bald zeigen: Ich nehme meinen Koffer, werfe einen letzten Blick auf die Dame und die Bockwurstdose und steige am Frankfurter Flughafen aus.

Tag 1/2

Die Blicke gehen nach oben, als die Reiseleiterin die ornamentverzierte Zedernholzdecke der Koranschule Barak Khan in der orientalischen Alstadt von Taschkent erläutert. Mein Blick geht allerdings nach unten in das Stiefmütterchenbeet, in dem eine orangefarbene Motte (?) mit schwarzweissem Gesicht durch die Blumen streift und mich fasziniert.

Vor dem blauen Himmel heben sich die imposanten Kuppeln und Minarette ab, Händler bieten bunte Seidenschals feil, wir gehen in die Moschee, besuchen das Kaffali-Schaschi-Mausoleum und einen Park, über dem die Statue des Poeten Alisher Navoij thront.

Begeistert stürmen meine Reisefreundin und ich den lokalen Supermarkt und kaufen frischgebackene Fladenbrote, Gebäck und Sesam-Nuss-Feigen-Riegel, die wir mit auf die Spuren der Alten Seidenstrasse nach Samarkand nehmen. Die Strasse ist stark befahren, die Strasse hat Schlaglöcher, und mehr als einmal kommt es zu brenzligen Situationen.

Am Wegesrand wird mit Honigmelonen gehandelt, Baumwolle geerntet und verarbeitet, Landarbeiter sind mit Eseln auf den Feldern, und wir treffen am Rastplatz auf die erste türkische Toilette (mein Endgegner) dieser Reise.

Spät abends kommen wir endlich in Samarkand an.

Tag 3/4

Wir sind im Märchen aus Tausendundeiner Nacht angekommen: der Registanplatz, ehemalige Koranschulen, die Bini Khanum-Moschee, das Gur-Emir Mausoleum, ein Basar, auf dem ich kiloweise geröstete Kichererbsen, frische Mandeln, Gewürze und Aprikosen mit Walnüssen erstehe, das Observatorium des Ulug Beg bei Sonnenuntergang und krächzenden Raben, die Gräberstrasse Schah-E-Sinda mit seinen Mausoleen, usbekisches Mittagessen unter alten Bäumen, die Ausgrabungsstätte Afrosiab und eine Papierherstellung schauen wir uns an, bevor wir den Nachmittag für uns haben und Schokoladenkuchen im russischen Viertel geniessen.

Wir haben unwahrscheinlich viele Eindrücke gesammelt. Und was habe ich heute gelernt? Das Paradies liegt im Herzen. Und der orangefarbene Schmetterling mit dem Gesicht, der durch die Stiefmüttcherchen tanzte, ist ein Taubenschwänzchen.

Tag 5

Irina.
Irina ist unsere Reiseleiterin. Sie ist Ende 40, prämierte Deutschlehrerin – sie hat auch schon beim Treffen von Annalena Baerbock für den usbekischen Aussenminister übersetzt – und Reiseleiterin.

Irina hat kurze blonde Haare, blaugraue Augen und ist quirlig und humorvoll. Sie steht auch schon mal abends im Reisebus und singt uns das Lied vom Bodensee vor, ein Kalauer für trinkfeste Genossen. Sie versteht die Kunst, Fachwissen über Usbekistan mit persönlichen Geschichten aus ihrem Leben zu mischen, und so ist das Land, das einem so fern ist, auf einmal ganz nah und greifbar.

Sie bringt den Töpfer und auch den Maler, den wir in seiner Malschule besuchen, zum lachen, obwohl die Usbeker tendenziell eher ernst dreinschauen. In der Gräberstrasse von Samarkand setzt sie ein rotes Glitzerhütchen auf und erzählt uns Märchen von Scheherazade.

Sie rührt uns mit Geschichten aus ihrer Kindheit, wo der Vater, um dem deutschen Austauschschüler etwas bieten zu können, nach Kasachstan fährt um Cola zu kaufen und nach Kirgistan, um Käse zu besorgen. Sie erzählt, wie das deutsche Mädchen Schuhe gucken wollte und es im Geschäft nur klobige Einheitsschuhe gab. Ihre Salamander-Schuhe hat der Vater nur durch Beziehungen bekommen.

Heute stehen wir mit Irina im strömenden Regen vor dem Mausoleum eines Sufis, der Regen kann ihr nix antun, sie lacht und präsentiert fröhlich die Fakten. An der Karawanserei an der Alten Seidenstrasse wird Picknick ausgepackt, es gibt grünen Tee, Samsa mit Kürbis und Kekse, bei Usto Davron malen wir selbst Aquarelle mit Granatäpfeln, sie verbietet uns scherzhaft, auf dem Weg zum Hotel auf dem Basar stehenzubleiben und erzählt uns beim Dinner, dass sie heimlich mit der Töpfersfrau Cognac getrunken hat.

Irina steckt uns mit ihrer Fröhlichkeit und ihrer Leichtigkeit an, und als ein Bekannter sie fragt, was sie denn morgen mit uns machen würde, wenn es weiter so sehr regnet, lacht sie und sagt, dass wir natürlich trotzdem Buchara besichtigen werden. Ein (virtueller) Vodka auf Irina!


Tag 6/7

Die Kälte kriecht in meine Knochen, während wir in Buchara vor der Kalab-Moschee und ihrem Minarett stehen, das schon Dschingis Khan getrotzt hat. Von diesem Minarett wurden früher Menschen geworfen, heute stehen wir unter dem bleigrauem Himmel und schauen empor.

Ich beschliesse, die Gruppe und die anstehende Burgbesichtigung zu verlassen, schlendere zurück ins Hotel und nehme eine heisse Dusche. Dann mache ich mich auf den Weg über den Basar durch die Seitenstrassen, um das andere Buchara, das einfache Buchara ohne Prunk und Verzierungen, zu entdecken.

In der Nacht bekomme ich Magen-Darmprobleme, obwohl ich sehr genau darauf achte, was ich esse und immer mein Desinfektionsmittel im Einsatz habe. Der Tag fällt flach: keine Gräberstrasse, kein Hamman und kein Abendessen. Ich bin nicht die einzige, die ausfällt und die Zeit im wunderschön angelegten Innenhof des Hotels verbringt. Den Vormittag verplaudere ich mit U., und auch A. schaut mal vorbei.
Den Nachmittag verbringe ich mit Buch, österreichischen und usbekischen Kohletabletten und Elektrolyten.

Morgen liegen 430km vor uns, durch die Wüste bis nach Chiwa. Da muss ich wieder fit sein.

Tag 8/9

Ich sitze auf der Mauer vor dem Hotel. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, ich schaue auf ein Bassin, das mit Wasser gefüllt ist. Neben mir hat sich ein Hund niedergelassen und seinen schwarzen Kopf auf meinen Rucksack gelegt.

Das Hotel hat mir von der Apotheke zwei Packungen russische Tabletten geholt, dieselben, die gestern schon U. und A. grosszügig mit mir geteilt haben, bevor es auf die neunstündige Tour nach Chiwa ging und vor der mir gegraut hat. Ich dämmere während der Fahrt – blass, sagen die Mitreisenden – vor mich hin, während die Wüste Kyzylkum, Baumwollfelder und Siedlungen am Fenster vorbeiziehen. Ich bin überglücklich, als wir Chiwa, das nah der Grenze zu Turkmenistan liegt, am frühen Abend erreichen.

Nach dem Frühstück kaufe ich eine dunkelblaue Leinenbluse auf dem Markt, wie sie auch Catherine und David in Heminways Roman tragen und mache mich auf den Weg. Ein sonniger Tag liegt vor mir.

Das Hotel befindet sich am Westtor der Stadtmauer, die Stadt selbst hat den Charakter eines Freilichtmuseums und besticht durch seine vielen Kuppeln und Türmchen. Ich finde sogar wieder zum Hotel zurück.

Morgen früh geht es erst nach Urgentsch, von wo wir den Flieger nach Taschkent nehmen.

Tag 10/11

Reisen heisst Bewegung. Von Chiwa geht es früh morgens nach Urgentsch, wo wir den Flieger nach Taschkent nehmen. Mit dem Taxi fahre ich ins Hotel, ich kann mein Zimmer schon früher beziehen und mich etwas ausruhen.

Reisen heisst Verabschiedung. Ein letztes Dinner mit der Gruppe (ich esse nur Reis), ein Geburtstagsständchen für O., dann wird gepackt.

Reisen heisst, ein letztes Mal ein Hotel in der Dunkelheit zu verlassen, mit dem Bus der Morgenröte und dem Flughafen entgegenzufahren, den Flieger zu besteigen, ein Land zu verlassen.

Reisen heisst Adé sagen: den Leidensgenossen der Magen-Darmgruppe und den anderen, S. und O. auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig des Frankfurter Fernbahnhofs sitzen zu sehen, die physische und mentale Nähe schwindet, der Zug fährt ab.

Reisen heisst, schon jetzt die beste Reisebegleitung zu vermissen aber sich schon auf die nächste gemeinsame Reise freuen, Ziel: noch unbekannt. Es gibt noch so viel zu entdecken.

Nachtrag/note to myself: Reise nur noch nach Travemünde.