Im radiologischen Zentrum.
Der Phantast verbirgt, um auf die Wahrheit zu deuten, er umspielt die eigentliche Geschichte und weicht ihr immer wieder aus. Manchmal ist es nicht das Abwegige, das verwirrt, sondert die unübersehbare Zahl der Möglichkeiten.
Paul Theroux, Der Fremde im Palazzo d’Oro
Es ist 9:30 Uhr, ich liege unter dem CT-Scanner. Mein Kopf, meine Beine und meine Arme sind fixiert, über mir leuchtet ein rotes Licht, und irgendetwas, was ich nicht deuten kann, bewegt sich über mir in dem Gerät. Ich bin allein im Raum. Anweisungen, wie ich ein- und ausatmen soll, ertönen über einen Lautsprecher. Wir üben das Luftanhalten, das 20 Sekunden dauern muss, damit das Herz beim Bestrahlen später weniger belastet wird. Auf meinem Brustkasten ist ein Würfel mit Leuchtelementen platziert, er wird darauf achten, dass die Bestrahlung stoppt, sobald ich die Luft nicht mehr anhalte.
Ich fröstle, als die Dame nach einer gefühlten Ewigkeit wieder in den Raum tritt. Das CT sei fertig, ich müsse noch etwas in der jetzigen Position verharren. Meine Arme, über dem Kopf angewinkelt, werden schwer, meine Narben fangen an zu spannen. Sie schaut in ihren Computer, kommt auf mich zu und fängt an, meinen Oberkörper zu markieren. Ob das ein Edding sei, frage ich und bin verblüfft, als sie bejaht. Neben dem ganzen High Tech erscheint es mir profan, dass sie mit nem Filzer auf mir rumzeichnet. Mehr als die Lage des Würfels kann sie allerdings nicht einzeichnen, der PC hat den Geist aufgegeben, er wird runter- und wieder hochgefahren, während ich immer noch in unbeweglich-unbequemer Stellung verharre. Dann müssen wir die anderen Markierungen beim ersten Strahlungstermin anlegen, sagt sie entschuldigend. Mir ist das lieb, mir ist kalt und meine angespannten Arme und Narben mögen auch nicht mehr hier bleiben.
Ich verlasse die Radiologie; draussen regnet es.

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