Zuhause.
Einen Termin habe ich aber nicht, stellt mein Hausarzt fest, ob ich ein Notfall sei. Wie immer haben mich die netten Arzthelferinnen blitzschnell durchgewunken, obwohl das Wartezimmer voll ist. Ich verneine, ich bräuchte nur eine Krankmeldung, die könne das Krankenhaus nicht ausstellen. Dann sei ich ein Notfall, beschließt mein Gegenüber.
Wer mich denn ins Krankenhaus eingewiesen hätte, fragt er weiter. Sie, antworte ich.
Und wo ich die Blutwerte in zwei Wochen überprüfen lassen solle. Na auch bei ihm, sage ich und finde, dass einer von uns beiden heute ein Konzentrationsproblem hat. Ich bin das nicht.
Die Arzthelferinnen sind aber auf Zack, ich bekomme zum (kurzen) Warten einen Stuhl in den Konferenzraum gestellt, damit ich niemanden kontaminiere, der Termin zur Blutabnahme ist sofort abgemacht, die Krankmeldung ausgedruckt.
Bis auf einen dicken Hals und einem einzuhaltenden Sicherheitsabstand von einem Meter zu Anderen (vor allem zu Schwangeren und Kindern) geht es mir gut. Einkaufen und Busfahren darf ich, allerdings sind lange und enge Kontakte wie zum Beispiel Theaterbesuche, Büro und der Besuch meiner Sportgruppen, des Gyms und des öffentlichen Bades zu unterlassen. Keine Sportgruppen. Das trifft mich dann schon.
Spazierengehen könne ich, sagt mein Hausarzt und wiederholt damit, was mir auch die Ärztin im Krankenhaus gesagt hat.
Ich gehe spazieren. Durch die Hafencity im Regen und einem Eisbecher, den ich allein in der Kälte vor dem Café esse. Um die Aussenalster, es nieselt, bis auf ein paar Jogger und Hundebesitzer sind keine Menschen unterwegs. Im leeren Cliff streiten sich zwei Kellner, einer verlässt wütend das Lokal, den anderen kann ich heranwinken und bestelle eine Waffel mit heißen Kirschen und Sahne. In Eppendorf sind die weißen zuckergussartigen Jugendstilvillen von einem grauen Schleier bedeckt, ich kaufe mir Blumen für die Küche und das Wohnzimmer und ein Buch über die Anatomie des Taiji.
Zuhause gibt es Dinkelkaiserschmarrn mit Äpfeln.
Mittlerweile bin ich sehr ausgeglichen, so ausgeglichen, dass ich bereits alle Weihnachtskarten verschickt und alle Geschenke verpackt habe. Ich mache mich sogar an die Ablage der letzten zwei Jahre, die sich unsortiert in einem Schränkchen befindet und mir sofort entgegenfällt, als ich diesen öffne. Ich stelle Unterlagen für die Steuererklärung 2018 zusammen. Ich buche eine Reise. Lachen muß ich, als mich mein Azubi hektisch anruft, das Restaurant, bei dem ich für die Weihnachtsfeier gebucht habe und denen er – wie mit mir abgesprochen – die finale Teilnehmeranzahl durchgeben wollte – hätte keine Reservierung von uns vorliegen. Natürlich habe ich reserviert, ich dirigiere ihn aus der Ferne durch meine Ordner auf dem PC, auf die er zum Glück Zugriff hat, denn mein Firmenhandy speichert emails nur über einen bestimmten Zeitraum. Wenn ich schon gerade dabei bin, werfe ich auch einen Blick auf die eingegangenen 369 emails, auf zwei antworte ich.
Der Blick auf den Schrittzähler zeigt an, daß ich heute Abend noch eine Runde um den Block drehen muß. Ich liebäugele damit, spontan zwei Tage nach Sylt zu reisen. Am Strand längswandern ist schöner. Und kontaminieren lässt sich da auch niemand.


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