07.11.2019

Unterwegs.

November. Ganz Deutschland ist von der Dunkelheit besetzt; die Menschen verziehen sich in ihre warmen und von Kerzen erleuchteten Wohnzimmer, wĂ€hrend sie in Wolldecken gehĂŒllt auf dem Sofa liegen und vorm Fernseher ein Glas Wein geniessen.
Ganz Deutschland ist von der Dunkelheit besetzt? Nein!
Und hier fĂŒhle ich mich wie das kleine gallische Dorf, das anarchistisch das tĂ€gliche Kontrastprogramm bestreitet.

Das Aussenbecken des öffentlichen Bades, das von großen dunklen BĂ€umen umsĂ€umt wird, ist erleuchtet: ich schwimme durch das hellblaue Wasser, Dampf steigt auf, die Luft ist kalt, wĂ€hrend ich am Abend meine Bahnen ziehe.

Durch die hohen Fenster der alten Sporthalle, durch die ich sonst beim Praktizieren der Stehenden SÀule in den schönen Park blicke, blicke ich nun auf mein Spiegelbild. Der Park liegt im Dunkeln.

Auch der verwunschene Garten des Psychologenhauses ist in der Nacht verschwunden, als ich am weit geöffnetem Fenster tief einatme. Es regnet. Wir meditieren.

Im Fitnessraum schaue ich vom Stepper auf die unter mir liegende Mönckebergstraße. Menschen hasten mit Einkaufstaschen in die nĂ€chsten GeschĂ€fte, der Himmel ist schwarz, die Straße nass, da hinten ist die Spitze der Nikolaikirche zu sehen und das Rathaus.

Im Dunkeln auf dem Balkon des 12ten Stocks ĂŒber die Bucht schauen, auf die Ostsee, den Strand, die HĂ€user, ganz winzig und verstreut, die KĂ€lte fĂŒhlen, den Bademantel anziehen und ins Schwimmbad gehen.

November. Zeit des Requiems. Zeit zu gedenken. Nicht unbedingt zu weinen, auch wenn ich das Lacrimosa liebe. Verdis Lacrimosa. Das ist so wunderschön.

Ich fange an zu planen. Es gibt so viel, was ich nÀchstes Jahr machen möchte, so viele Möglichkeiten, so viele Einladungen, ich lache, das haut doch alles gar nicht hin, mehr Zeit brauche ich, mehr Tage, mehr Jahre, und ja, das Leben muss gelebt werden, hier und jetzt, und auf der Couch kann ich immer noch sitzen, an einem Novemberabend, ganz weit in der Ferne, wenn ich alt bin, wenn gelebt worden ist und die Erinnerungen bleiben.

Antworten

  1. Avatar von Kraulquappe

    Wie eine Sternschnuppe, dieser Text.
    Liebe GrĂŒĂŸe aus MĂŒnchen!

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    1. Avatar von Der Feind in mir

      oh, das ist ein schöner Kommentar 🙂 LG aus Hamburg!

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    2. Avatar von Kraulquappe

      War meine spontane Assoziation.
      Außerdem mag ich Hamburg sehr.
      Lieben Gruß vom Nachtgassi, mit Blick auf die beleuchtete Bavaria,
      Natascha

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  2. Avatar von finbarsgift

    Schöner Text, der strahlt…
    Herzliche GrĂŒĂŸe vom Lu

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    1. Avatar von Der Feind in mir

      danke Dir, lieber Lu đŸ’«

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    2. Avatar von finbarsgift

      de nada ⭐ 🙂 ⭐

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  3. Avatar von patentsocke

    Sehr schön formuliert!

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    1. Avatar von Der Feind in mir

      lieben Dank 😊

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